Denkmal des Monats - April 2018

Ostwestfalen Lippe
Das Bahnhofsgebäude (Lügde)

Das Empfangsgebäude wurde 1892 als gegliederte Gebäudegruppe mit weit überkragenden Satteldächern in Ziegelmauerwerk errichtet. Die Gruppe setzt sich aus einem zweigeschossigen Gebäude von vier Achsen, einem eineinhalbgeschossigen Gebäude von drei Achsen, einem eingeschossigen Anbau von ursprünglich einer Achse, heute auf vier Achsen erweitert und einem Güterschuppen zusammen. Der zweigeschossige Gebäudeteil wird zur Stadtseite durch einen risalitartigen, giebelständigen Vorbau gegliedert. Die Gestaltung erfolgt durch rundbogige Fenster; Fenster- und Dachgesimse vertikal und die Lisenen horizontal. Die Baugruppe ist bis auf die v. g. Erweiterung unverändert erhalten geblieben. Das Objekt dokumentiert die Architektursprache von Empfangsgebäuden in Kleinstädten kurz vor der Jahrhundertwende.

Darüber hinaus wird die Verkehrsgeschichte der Region und der Stadt Lügde dokumentiert, denn im Rahmen des Baus der Eisenbahnstrecke Hannover–Altenbeken, erhielt Lügde im Jahre 1893 ein eigenes Empfangsgebäude. Diese Baumaßnahme stellte einen erheblichen Eingriff in die Ortsentwicklung dar. Der Wall, der über Jahrhunderte hinweg die Ortsstruktur prägte, wurde durch die Bahnhofstraße völlig gesprengt. Ein Teil des Walles wurde zur Anlage der Straße mitbenutzt. Die Bahnhofstraße bildet auch heute noch eine städtebauliche Zäsur. Diese Veränderung wäre ohne das Bahnhofsgebäude nicht mehr erklärbar. Darüber hinaus hatte der Bahnbau auch Auswirkungen auf den bedeutenden historischen Osterräderlauf. Der ursprünglich auch vom Kirchberg aus erfolgte Räderlauf wurde 1902 durch die Eisenbahnverwaltung untersagt.

Das seit Jahren leerstehende Baudenkmal „Bahnhofstr. 12“ ist in 2016 denkmalgerecht saniert und einer neuen Nutzung als Café/Bistro zugeführt worden.

Die aus Ziegelmauerwerk bestehenden Fassaden wurden aufwendig gereinigt und dem ursprünglichen Charakter entsprechend aufbereitet. Weiterhin ist eine Neueindeckung des Daches unter Verwendung und Ergänzung der vorhandenen Schmuckortgänge erfolgt. Die Fenster und Türen wurden tlw. ertüchtigt bzw. der Charakteristik des Gebäudes entsprechend erneuert. Bei der Umnutzung wurden wesentliche Eingriffe in die Raumstrukturen vermieden und diese auf das für die beabsichtigte Nutzung erforderliche Mindestmaß begrenzt. Dieses wurde auch bei der Erneuerung der Installationseinrichtungen und der reversibel eingebrachten Brandschutzertüchtigung berücksichtigt. Der zeitgenössische Fliesenbelag im Entree des ehem. Bahnhofsgebäudes ist durch den Bauherrn erhalten und wieder aufbereitet worden.

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Die Charakteristik des Bahnhofsgebäudes ist daher auch noch in den inneren Gebäudestrukturen erhalten geblieben. Durch das Engagement des Bauherrn konnte der Restaurantbetrieb als Teilnutzung nach einem Bauzeitraum von nur knapp einem Jahr aufgenommen werden. Das ehem. Bahnhofsgebäude hat mit dieser neuen Nutzung eine der städtebaulich prädestinierten Lage des Gebäudes entsprechende Wiederbelebung erfahren und sich bereits in kürzester Zeit zu einem weiteren Anziehungspunkt der Gastronomieeinrichtungen in der Stadt Lügde entwickelt. Die Sanierung des Baudenkmals mit dem Ausbau einer Wohnung im Obergeschosses und der Umnutzung des ebenfalls zum Denkmalensemble gehörenden ehem. Güterschuppen zu einem Veranstaltungsraum wird z. Zt. durch den Bauherrn fortgeführt.

Stadtgeschichte – Die historische Altstadt gestern und heute

Der Ortskern Lügde ist eine uralte Siedlung, die Entstehung des Ortes selbst ist in die frühgeschichtliche Zeit, also um oder in die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt zu legen. Schon der Name des Ortes weist in seiner zuerst überlieferten Form Liuhidi und Liuhith in die graue Vorzeit. Der Ortsname lässt sich nur schwer oder gar nicht deuten, er ist auch kein eigentlicher Siedlungsname. Die am meisten vertretene Meinung geht dahin, dass es sich schlichtweg um eine Flurstelle handelt, auf der es viele „LIU“, also viele Leute oder auch Lüe (plattdeutsch) gab. So wurden zum Beispiel in der „Poeta Saxo“ nach der Teilung des alten Sachsens in drei Teilgebiete (im 9. Jahrhundert) deren Bewohner mit „Liudi“ bezeichnet. Andere Heimat- bzw. Sprachforscher gehen davon aus, dass der Name Lügde „Licht“ bedeutet. Sehr viele Orte in Europa, die mit der Vorsilbe „LUG“ beginnen, weisen hierauf hin. Auf die letztere Namensdeutung könnte auch der Lichtkult (Osterräderlauf) deuten.

Erstmalig tritt die Stadt in Erscheinung im Jahre 784. In diesem Jahr feierte Karl der Große das Weihnachtsfest unweit der Skidrioburg (Herlingsburg) am Emmerfluss in der Ansiedlung Luihidi. Das „Luihidi“ des 8. Jahrhunderts lag allerdings nicht an der Stelle, an der sich der heutige Ort (Ortskern) Lügde befindet. Der Ort befand sich vielmehr im Ollenlüderfeld (zwischen Lügde und Bad Pyrmont - Holzhausen). Darüber hinaus wird es noch weitere zahlreiche verstreut liegende Wohnplätze (Höfe) gegeben haben. Der Ortskern in seiner heutigen Anlage entstand um 1245. In diese Zeit fällt auch der Bau der heute noch z.T. erhaltenen Befestigungsanlage (Stadtmauer, Wehrtürme, Wallgrabenanlage).

Die Stadt ist mehrfach Handelsobjekt zwischen Fürsten und Kirchen gewesen. Bis zum Jahr 1255 befand sich die Stadt im Eigentum der Pyrmonter Grafen, die ab diesem Zeitpunkt die Hälfte der Stadt an den Erzbischof von Köln abtraten. Die Besitzverhältnisse spiegeln sich im Lügder Stadtwappen wieder (links im Wappen das Ankerkreuz der Grafen von Pyrmont, im rechten Feld einen senkrechten Schlüssel (den Schlüssel Petri Erzbistum Köln). Durch die Zuordnung zum Kreis Lippe (1970) wurde das Wappen durch die Lippische Rose (im unteren Feld des Wappens) erweitert und zeigt somit auch die Zugehörigkeit der Stadt zum Kreis Lippe.

Die Gründung der Stadt wird auf etwa 1245 datiert, Verleihungsurkunden der Stadtprivilegien sind nicht mehr erhalten. Sicher ist jedoch, dass die Stadt nach dem so genannten „Lipp. 3-Straßenmodell“ angelegt worden ist, das heißt, für die Stadtgründung wurde lippisches Recht gewählt (etwa Stadtrecht von Lippstadt und Lemgo in vielleicht etwas abgeänderter Form). Lügde wurde als „Festungskleinstadt“ planmäßig angelegt, sie war befestigter Mittelpunkt für die Territorialpolitik der Grafen von Pyrmont (bis zum Jahr 1668).

Die Stadt ist - trotz mehrerer Großbrände – im Grundrisscharakter nahezu erhalten geblieben. Die Altstadt wird geprägt durch die frühklassizistischen Fachwerkackerbürgerhäuser mit ihren typischen hallenartigen Deelen und die Wall- und Grabenzone mit 2 komplett erhaltenen Stadttürmen und Stadtmauer. Drei dominierende Längsstraßen sind durch schmale Querstraßen leiterförmig miteinander verbunden, der langovale Stadtgrundriss mit überwiegend klein strukturierten Grundstücken ist bis heute praktisch unverändert erhalten geblieben. Die Grenzen des historischen Stadtkernes sind durch die etwa 1500 m lange Stadtmauer mit Wehrtürmen und Wehrgraben deutlich ablesbar. Die Stadt gehört mit zu den geschlossensten Ackerbürgerstädten unseres Landes und ist deswegen auch Mitglied in der Gemeinschaft „Historische Stadt- und Ortskerne in Nordrhein-Westfalen“.

Die Altstadt wurde bereits von 1980 - 1991 mit erheblichem Aufwand saniert. Im Tiefbaubereich wurden Straßen als verkehrsberuhigte Zonen neu angelegt. Über besondere Förderprogramme wurden dann von den Anliegern Gebäude renoviert und denkmalgerecht wiederhergestellt.

Unabhängig davon verblieb die Nutzung der Mittleren Straße als Landesstraße und Ortsdurchfahrt mit einem hohen Anteil an Schwerlastverkehr, welcher jahrzehntelang eine positive weitere Entwicklung des Stadtkerns verhinderte. Ca. 15.000 Fahrzeuge täglich quälten sich durch die schmale Altstadt und verursachten Lärm, Staub und Abgase.

Durch den Bau der Teilortsumgehung Lügde (L 614) und deren Inbetriebnahme im Oktober 2010 wurde die Altstadt verkehrlich entlastet und damit die Chance eröffnet, eine Revitalisierung des historischen Stadtkerns anzugehen. Parallel zum Bau der Umgehung, die im Bereich des Stadtkerns in einem Tunnel geführt wird, wurde daher mit der Bürgerschaft das Stadtentwicklungskonzept „Lügde 2015“ erarbeitet. Dieses Konzept beinhaltet verschiedene Bausteine zur Attraktivitätssteigerung der Lügder Innenstadt.

Als erster Baustein wurde im Jahre 2011 eine an die Altstadt angrenzende Freizeit- und Erholungsanlage, der Emmerauenpark, geschaffen, die den nötigen Freiraum für die Bewohner des eng bebauten Stadtkerns bietet. Gelegen zwischen der historischen Stadtmauer und dem Fluss „Emmer“ wurde hier mit einem attraktiven Spielbereich für Kinder, Sport- und Spielanlagen, einem Naturbereich, einem zentralen Kommunikationsbereich mit Bühne und kleiner Gastronomie sowie einem Sandstrand eine Symbiose geschaffen, die sich seit der Inbetriebnahme im August 2011 zu einem wahren Besuchermagneten für Lügde und Umgebung entwickelt hat.

In einem weiteren Schritt wurde der Umbau der jetzt verkehrlich entlasteten Ortsdurchfahrt im Bereich des Stadtkerns in Angriff genommen. Die bisherige Dominanz des fließenden Verkehrs wurde mit einer Verbreiterung und Aufwertung der Nebenflächen aufgehoben. Mit der Auswahl der Materialien, der barrierefreien Gestaltung des Straßenraumes mit Begrünung und wechselseitigen Parkständen sowie einer ansprechenden Straßenmöblierung wurde ein attraktives Straßenbild geschaffen, welches die Aufenthaltsqualität und den Erlebniswert im öffentlich Raum mit Begegnung, Kommunikation und Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglicht. Besondere Betonung wurde hierbei auf die Gestaltung der beiden Altstadteingänge im Norden und Süden gelegt, so dass der Verkehrsteilnehmer den Übergang in den Historischen Stadtkern deutlich wahrnehmen kann und sein Verkehrsverhalten darauf einstellt.

Den Mittelpunkt der historischen Altstadt bilden das Rathaus mit dem Marktplatz und die St. Marien-Kirche mit dem Kirchplatz. Als letzter Baustein des Stadtentwicklungskonzeptes „Lügde 2015“ im Bereich der öffentlichen Infrastruktur wurden die ehemals baulich und nutzungsmäßig getrennten Plätze zusammengefasst und einheitlich neu gestaltet. Mit der Neugestaltung als zusammenhängender, steinerner Platz mit multifunktionalen Nutzungsmöglichkeiten und dem neuen Ziegenbrunnen bildet der Markt-/Kirchplatz (nunmehr) den zentralen Mittelpunkt des öffentlichen Lebens in der Altstadt.

Durch die Gebietsreform, die am 01.01.1970 in Kraft getreten ist, wurde die alte Stadt Lügde mit 9 weiteren Gemeinden zur neuen Großgemeinde „Stadt Lügde“ zusammengefasst. Mit dieser Neuordnung schied das ehemalige Amt Lügde „Stadt Lügde und Gemeinde Harzberg“ aus dem Verband des Kreises Höxter aus. Die neu gebildete Stadt gehört zum Kreis Lippe. Durch die Großgemeindebildung stieg die Einwohnerzahl von 6.000 auf rund 12.000 Einwohner und Einwohnerinnen