Denkmal des Monats - August 2014

Ostwestfalen Lippe
Das Pfarr- und Gemeindehaus (Schieder-Schwalenberg)




Nördlich der alten Stadtkirche, parallel zum Kirchenschiff, etwa ein Geschoss tiefer im Hang, steht das Pfarr- und Gemeindehaus der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Schwalenberg.

Das Gebäude stellt in der Stadtsilhouette einen durchaus markanten Punkt dar. Das Gelände der oberhalb stehenden Kirche mit dem alten Bestattungsplatz wird durch eine Mauer aus behauenen Bruchsteinen abgestützt beziehungsweise begrenzt, so dass topographisch eine deutliche Zäsur wahrnehmbar ist.

Auf einem massiven Steinsockel und Erdgeschoss ist das Obergeschoss aus Fachwerk aufgesetzt. Das Dach ist mit den für die wertvolleren Häuser der Stadt typischen Sandsteinplatten eingedeckt. Gegen die Unbill der Witterung wurden Teile der Fachwerkfassade durch eine Wandbekleidung - ebenfalls aus Sandsteinplatten - geschützt.

Seit 1694 ist das geschichtsträchtige Gebäude Wohn- und Amtssitz der Pfarrerinnen und Pfarrer. Beeindruckend sind Gemälde, auf denen der sozialpolitisch sehr aktive Pfarrer Alexander Zeiß in seinem Amtszimmer abgebildet ist. Von dort hat man einen traumhaften Blick in die umgebende Landschaft mit den Dörfern Brakelsiek, Lothe, Ruensiek und Hagedorn, die gemeinsam mit Schwalenberg das Gebiet der Kirchengemeinde bilden. Im Westen, am Horizont erhebt sich der Kamm des Eggegebirges und des Teutoburger Waldes, aus dem - bei schönem Wetter mit bloßem Auge gut erkennbar - das Hermannsdenkmal herausragt. Die Landschaft wird wegen des Reliefs gerne als „Toskana des Nordens" bezeichnet; nur die Vegetation ist anders als in der italienischen Toskana.

Über die mehr als 35 Pfarrerinnen und Pfarrer seit der Reformation, über ihr Leben und Wirken in der Gemeinde, ließe sich viel berichten (über die frühere Geschichte liegen nicht mehr viele Dokumente vor). Jede und jeder hat Fußstapfen hinterlassen oder prägt die Arbeit der Gemeinde im aktiven Dienst. Der am 8. August 1861 in Horn geborene Alexander Zeiß wuchs in einer geistig und künstlerisch regsamen Familie auf. Das Milieu der Kleinstadt formte schon früh in ihm Kenntnisse praktischer Lebenskunde. Darum wurde auch der Sozialpolitiker Zeiß später kein „Katheder-Sozialist". Er wurde 1884 Pfarrgehilfe bei seinem Großvater Wilhelm Zeiß in Schwalenberg; ein Jahr später war er Pastor, und blieb bis zum Ruhestand im Jahre 1934. Sein politisches Engagement hatte das Ziel, die soziale und wirtschaftliche Lage vor allem der Wanderarbeiter zu verbessern, denn schon vor mehr als 100 Jahren pendelten Menschen zu Arbeitsplätzen aus, saisonal in Ziegeleien in Holland, in Norddeutschland oder im Ruhrgebiet oder als Helfer in der Landwirtschaft. Die räumliche Trennung der Familien und die besondere und alleinige Verantwortung der Frauen für Haus und Hof und Kinder vom Frühjahr bis in den Herbst stellte die Bevölkerung Schwalenbergs und der Dörfer in dem Kirchensprengel vor große Herausforderungen. Die seelsorgerische Arbeit orientierte sich somit gleichsam an der sozialen Verantwortung für Menschen in der Gemeinde, nicht nur konfessionell geprägt, sondern die Gemeinschaft und den Einzelnen im Blick.

Die Inschrift über dem östlichen Eingang, zum Gemeinde- oder  Konfirmandensaal,  lautet:  EXEMP- LUM HOC RELIGIONIS NON STRUCTURAE VO- LENTE DEO ILLUSTRISS : ET CLEMENTISS DOM SIMON HENR COMES ET NOB DOM : DE LIPPIA ABSOLUT DOM DE VIANEN ECCLESIARUM COMIT LIPP EPISCOPUS EX TARE ET SUA LIBERALITATE PATRIAM BREMENSES CUNCTOS AIOS FIDELES SUBDITOS SCHWALENBERGENSES AD PROMOTI- ONEM FIDEI JUVARE VOLUIT - ANNO 1694

Historische Quellen berichteten seinerzeit über die Baufälligkeit des Kirchengebäudes; so war unter Pastor Stöcker im Jahre 1694 ein teilweiser Neuaufbau erforderlich. Durch Kollekten in ganz Norddeutschland sammelte die Gemeinde so viel Geld, dass sie sogar ein Pfarrhaus bauen konnte. Da die Bremer Bürger am meisten spendeten, wird wohl ihrer im Dankesspruch gedacht, der übersetzt lautet: „Dieses Beispiel für die Frömmigkeit, nicht für die Baukunst, wollte, mit Gottes Willen, der hochberühmte und sehr gnädige Herr Simon Heinrich, Graf und Edelherr von Lippe und Souverän von Vianen, als Bischof der Kirchen der Grafschaft Lippe bauen und durch seine Freigiebigkeit das Vaterland, alle Bremer, andere Gläubige Untertanen und die Schwalenberger zur Beförderung des Glaubens unterstützen - 1694".

Durch den Bau des Pfarrhauses hatten die Seelsorger endlich eine zumutbare  Unterkunft  erhalten. Bis dahin wohnten sie entweder in ihren eigenen Häusern, zur Miete oder in durch die Gemeinde zur Verfügung gestellte Räumlichkeiten; letztere gaben sehr oft zu bitteren Klagen Anlass und waren wohl wenig zumutbar. Vor der Reformation gab es kaum solche Probleme, da die Pfarre von den Mönchen aus Marienmünster versorgt wurde.

Der östliche Teil des Hauses ist nach wie vor, über drei Geschosse, dem Gemeindeleben gewidmet. Neben dem Katechumenen- und Konfirmandenun-terricht proben dort verschiedene kirchenmusikalische Gruppen, nämlich eine Flötengruppe und ein Gitarrenkreis, und Nachwuchs des Posaunenchores erfährt dort seine Grundausbildung. Sitzungen des Kirchenvorstandes finden ebenso statt wie Treffen der Frauenhilfe, Bibelstunden oder Kirchkaffee oder Angebote eines christlichen Jugendkreises.

Im Jahr 1827 war das Haus nach den Bedürfnissen der Gemeinde umgebaut worden. Eine Sanierung, auch in energetischer Hinsicht, erfolgte 1980, um das Gebäude für das Gemeindeleben zu sichern und die Wohnqualität des Pfarrhauses angemessen zu steigern.

Das Pfarr- und Gemeindehaus ist ein wichtiger Anlaufpunkt im Gemeindeleben, ein städtebaulich prägender dazu.

 

Quellen: Stadt Schieder-Schwalenberg und Ekkehard Höver „Aus der Geschichte des Kirchspiels Schwalenberg" aus Heimatland Lippe, Zeitschrift des Lippischen Heimatbundes, Sonderheft 750 Jahre Schwalenberg, August/September 1981