Denkmal des Monats - Oktober 2014

Ostwestfalen Lippe
Jüdischer Friedhof (Warburg)



Ab dem mittleren 16. Jahrhundert waren in Warburg Juden ansässig, die um 1800 rund 10 % der Gesamtbevölkerung ausmachten. Die jüdische Gemeinde gehörte damit zu den größten im Hochstift Paderborn. Eindrucksvolles und beredtes Zeugnis dieser jahrhundertlangen Tradition ist noch heute der jüdische Friedhof.

An welchem Ort die Warburger Juden in den Anfangsjahren bestattet wurden, ist unbekannt. Erst ab 1687 ist die Existenz eines Friedhofs gesichert, als die jüdische Gemeinde eine entsprechende Parzelle im nordöstlichen Zwingerbereich der Neustadtbefestigung pachtete. Trotz mehrfacher Erweiterungen war dieser Friedhof im frühen 19. Jahrhundert vermutlich an die Grenzen seiner Kapazität gekommen, weshalb die Neuanlage an anderer Stelle notwendig wurde. Diese fand sich wohl um 1820 vor der Stadtmauer in der Nähe des Sacktors auf einem lang gestreckten Grundstück. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu einer kontinuierlichen Belegung, die erst in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ihr vorläufiges Ende fand und in der Schändung und teilweisen Verwüstung der Grabstätte mündete. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstand aus einigen der zerstörten Grabsteine ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer der Jahre 1933-45. Etwa zeitgleich begann man, den Friedhof durch Aufrichtung der umgestürzten und Reparatur beschädigter Steine wieder ein wür- devolles und dem Andenken der Verstorbenen würdiges Erscheinungsbild zu geben. Die Steine, die vollständig verloren gingen oder deren Reparatur nicht mehr möglich war, ersetzte man durch neue, einfach gehaltene Steine aus Zechit-Hartstein, sie wurden mit den Namen der Verstorbenen und dem Davidstern versehen. An die Eingangsmauer setzte man 1995 das Denkmal Shoa, das als lang gestreckte Erinnerungstafel die Namen der deportierten jüdischen Bürger aus dem heutigen Warburger Stadtgebiet auflistet. Auch wenn die jüdische Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus durch Deportation und Ermordung fast vollständig vernichtet wurde, finden auf dem Friedhof auch weiterhin Begräbnisse statt.

Im heutigen Bestand gibt es knapp 300 Grabsteine. Durch das Friedhofstor gelangt man zunächst in einen schmaleren Teil, in dem die Steine beiderseits des Hauptweges in je zwei Reihen etwas lockerer verteilt stehen. Die meisten Gräber liegen im größeren, stimmungsvoll mit Bäumen bestandenen Südteil. Mehrere Wege führen hier entlang der Gräberreihen. Das Gelände steigt zur Stadtmauer leicht an, ergänzt durch einen halbrunden Mauerturm bildet diese einen optisch eindrucksvollen Hintergrund für die Friedhofsanlage.

Die Belegung erfolgte weitgehend vom Eingangsbereich aus nach Süden, die älteren Steine sind mit hebräischen Inschriften versehen, einige zweisprachig. Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts dominieren dann die deutschen Inschriften, wobei sich häufig bei den frühen deutsch beschrifteten Steinen die Lebensdaten noch in jüdischer Zählweise finden. Wie beispielsweise bei den Steinen von 1872 für Mannes Kohn und Abraham Heymann und von 5632 für Abraham Heymann kommen dabei beide Kalenderzählungen für das gleiche Todesjahr auf direkt benachbarten Grabstätten vor.

Der häufigste Grabsteintyp im 19. und frühen 20. Jahrhundert besteht aus einem Inschriftstein mit Postament und unterschiedlich geformten Aufsätzen, in etwas einfacherer Ausführung zeigen sie lediglich einen halbrunden Abschluss. Zusätzlich gibt es obelisk- oder pfeilerartige Stelen, teilweise mit bekrönenden Aufsätzen in Kugel- oder Vasenform. Ab dem frühen 20. Jahrhundert kamen auch größere, zum Teil recht aufwendige Familiengrabstätten sowie Doppelsteine für Ehepaare in Mode. Nur selten treten bildliche Motive auf, vorherrschend dabei der Davidstern und ganz vereinzelt segnende Hände oder das Schofarhorn. Bis ins frühe 20. Jahrhundert dominieren klassizistische und historistische Gestal-tungselemente, wodurch sich stilgeschichtlich eine enge Übereinstimmung mit den zeitgleichen christlichen Grabsteinen ergibt. Mit recht anschaulichen Beispielen können diese nicht weit entfernt auf dem 1832 eingesegneten städtischen Burgfriedhof besichtigt werden.

Im Stadtgebiet verweisen weitere bauliche Zeugnisse auf die jüdische Gemeinde Warburgs. Kultischer Mittelpunkt war die Synagoge, die 1714 in einem Hinterhaus an der Josef-Kohlschein-Straße eingerichtet wurde (heute An der Burg 4). Im 19. Jahrhundert gab es bauliche Erneuerungen, 1903- 05 entstand eine neue Thoranische. Beim Pogrom 1938 wurde die Synagoge verwüstet und in den 1960er Jahren im Bestand so stark verändert, dass einzig die zweiflügelige Eichentür als Denkmalbestand erhalten blieb. Der südlich anschließende Baukomplex mit ehemaliger Schule und Lehrerwohnhaus wurde in den 1950er Jahren abgebrochen. Die Schule selbst war bereits 1908/09 durch einen Neubau an der Papenheimer Straße ersetzt worden.

Über die Altstadt und die Neustadt verteilt lassen sich viele Wohn- und Geschäftshäuser jüdischer Familien feststellen. Die von dem Künstler Gunter  Demnig  initiierten   „Stolpersteine"   erinnern im Pflaster vor einigen dieser Bauten an jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Erst vor wenigen Jahren wurde im Keller eines Bürgerhauses die im 18. Jahrhundert angelegte Mikwe wieder aufgedeckt.

Durch die gleichnamige Familie, aus der mehrere bekannte Bankiers und Wissenschaftler hervorgingen, wurde der Name Warburg international bekannt. Ein Vorfahre war Simon von Cassel, der 1559 zu den ersten Juden gehörte, die einen Schutzbrief zum Aufenthalt in Warburg erhielten. Als dessen Nachfahren dann im 17. Jahrhundert nach Altona auswanderten, benannte sich die Familie in Warburg um und behielt diesen Namen.

 

Für Führungen auf den jüdischen Friedhof bzw. für einen thematischen Rundgang zum jüdischen Leben in der Hansestadt Warburg insgesamt wenden Sie sich bitte an das Infocenter der Warburg-Touristik e. V., Tel.: 05641/90850.