Denkmal des Monats - Februar 2016

Südwestfalen
Auf den Spuren des Architekten Friedrich Ostendorf (Lippstadt)



Prof. Dr. Friedrich Ostendorf wurde am 17. Oktober 1871 in Lippstadt geboren. Nach einigen Jahren in Düsseldorf kehrte er mit seiner Familie nach Lippstadt zurück, wo er das Real-Gymnasium besuchte, dessen Gründer sein Vater Julius Ostendorf war.

Zwischen 1890 und 1893 studierte er Architektur an den Hochschulen in Stuttgart, Hannover und in Berlin-Charlottenburg, wo er Prof. Karl Schäfer kennenlernte. Dieser war zu dem Zeitpunkt ein anerkannter Lehrmeister der mittelalterlichen Baukunst. 1894 legte Ostendorf seine erste staatliche Hauptprüfung im Hochbau mit Auszeichnung ab. In seiner Bauführerzeit war er anschließend in Karlsruhe tätig, wo er sich vordringlich um die Restaurierung der Klosterkirche in Schwarzach kümmerte. Anschließend arbeitete er in den Bauinspektionen der Städte Marburg, Köln, Trier, Paderborn und Münster. 1899 bestand er die zweite staatliche Hauptprüfung ebenfalls mit Auszeichnung und wurde so Regierungsbaumeister. Im selben Jahr gewann er bereits den Schinkelpreis und erhielt dadurch zwei Reisestipendien, die ihn zu größeren Studienreisen in Deutschland, Frankreich, Italien und England führten. Auf diesen Reisen entstand eine Vielzahl seiner Skizzenbücher, in denen er auch Aufmaße von Dachstühlen festhielt.

Auf Grund seines großen Interesses an mittelalterlichen Baukonstruktionen untersuchte er in dieser Zeit auch die Stiftskirche in Lippstadt und verfasste einen Aufsatz darüber: „Die Kirche und das Kloster der Augustinernonnen in Lippstadt". Ebenfalls plante und baute er zwischen 1898 und 1900 zwei Villen in Lippstadt für die Familien Hilbck am Lippertor (heutiges Postgrundstück) und die Villa Schwemann an der Lipperoder Straße (im Bereich des heutigen Behördenhauses) sowie 1901 einen Anbau an die Villa Kleine jr. an der Oststraße, der in krassem Kontrast zum Haupthaus aus dem Jahr 1890 steht.

1904 berief man Ostendorf als Professor an die neu gegründete technische Hochschule in Danzig. Aber bereits 1907 wechselte er an die Hochschule nach Karlsruhe, wo er den Lehrstuhl seines erkrankten Lehrers, Prof. Schäfer, übernahm. In dieser Zeit hatte sich auch eine Änderung in Ostendorfs Architekturauffassung vollzogen. Waren es bis etwa 1900 mittelalterliche Einflüsse, die Ostendorf geprägt hatten,  wandte er sich ab der Jahrhundertwende einem spätbarocken und klassizistischem Baustil zu. Zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit wurde in dieser Zeit auch die Auseinandersetzung mit der Innenraum- und Gartengestaltung. Wie sein Vorgänger Schäfer war auch Ostendorf ein begeisterter und begeisternder Lehrer, der seine Schüler auch außerhalb der Hochschule, in der Freizeit und auf Exkursionen begleitete. Man muss ihn aus heutiger Sicht sicherlich als charismatischen Stararchitekten seiner Zeit bezeichnen. Das Arbeitspensum Ostendorfs war enorm. Landesweit entstand nach seinen Plänen eine Vielzahl von Bauwerken. Ebenfalls war er ein begeisterter und erfolgreicher Wettbewerbsteilnehmer, Autor einer Vielzahl von Beiträgen in Fachzeitschriften und Verfasser von Fachbüchern. So gehört u.a. auch heute noch das 1908 erschienene Buch „Die Geschichte des Dachwerkes" zur grundlegenden Lektüre für jeden Haus- und Bauforscher. In den Folgejahren veröffentlichte er die ersten Bücher aus seiner geplanten Reihe „Die sechs Bücher vom Bauen".

Auch in Lippstadt war Ostendorf weiterhin baulich tätig. Neben der Gesamtplanung   für die Friedhofserweiterung nach Osten ist auch der Entwurf des Hauptportals (1912) an der Lipperoder Straße ein Werk Ostendorfs. Die symmetrische Toranlage ist von der Straßenlinie zurückgesetzt und wird durch zwei halbrund ansetzende Mauerteile optisch verlängert. Auf diese Weise ergibt sich eine sehr gut dimensionierte Platzfläche vor dem Friedhof.

Die Brückenbebauung am Lippertor (1914) ist dem Bedürfnis geschuldet, diesen Stadteingang zu markieren und so dem Bereich des Zollamtes und der ehemaligen Hafenanlage eine besondere Wertschätzung zukommen zu lassen. An die symmetrisch angelegten Brückenhäuschen schließt sich eine halbrund geschwungene Sandsteinbrüstung mit hoch aufragenden klassizistischen Leuchten an.

Ebenfalls entstand in dieser Zeit das Kreishaus an der Spielplatzstraße (heute Standort der Sparkasse), dessen Fertigstellung Ostendorf aber nicht mehr erlebt hat.

Wichtigstes und auch authentisch erhaltenes Zeitzeugnis von Prof. Dr. Friedrich Ostendorf in Lippstadt ist und bleibt jedoch der von ihm konzipierte Umbau des Lippstädter Rathauses in den Jahren 1902 bis 1904. Der damals als freischaffender Architekt tätige Ostendorf konzipierte dabei vor allem den heutigen Ratssaal. Bis zu diesem Zeitpunkt erstreckte sich der Ratssaal über die gesamte Gebäudebreite. Ostendorfs Idee war es, den Ratssaal neu zu dimensionieren und ihm eine angemessene Vorfläche (Foyer) vorzulagern. Besonderen Wert legte er dabei auf die Gestaltung des Innenraumes. Das gewölbte Deckenfeld mit mittigem Deckelspiegel ist in einer barocken Manier oberhalb des Gesims durch stuckierte Flechtbänder unterteilt. Die vergitterten Kaminnischen und gestalteten Heizkörperverkleidungen sind neben den Kronleuchtern auch heute noch dominanter Schmuck des Saales. Gleiches gilt für die kassettierten Wandverkleidungen. Im Ostendorf'schen Sinne ist der Ratssaal somit für ihn ein Gesamtkunstwerk.

Trotz der Einschränkung, dass diese Planung nur in einem Bestandsgebäude stattgefunden hat und somit sicher eine Vielzahl von Zwängen existierten, ist die Umgestaltung des Lippstädter Rathauses ein sehr gutes Beispiel der Detailplanung von Prof. Dr. Friedrich Ostendorf.

Für Lippstadt besitzt daher dieses weiter entwickelte Denkmal als Geschichtszeugnis eine herausragende und sicher auch überregionale Bedeutung. Prof. Dr. Friedrich Ostendorf meldete sich im 1. Weltkrieg freiwillig zum Dienst. Als Kompanieoffizier fiel er am 17. März 1915 bei Sturm auf die Loretto-Höhen in Frankreich und wurde in Karlsruhe beigesetzt. Er hinterließ seine Ehefrau Joaquina und vier Kinder.