Denkmal des Monats - September 2016

Südwestfalen
Renaissance-Ackerbürgerhaus Wasserstraße 19 (Rheda-Wiedenbrück)



Rheda-Wiedenbrück mit seinen rund 48.000 Einwohnern ist zugleich eine sehr alte und eine sehr junge Stadt. Jung, weil sie am 1. Januar 1970 durch Gesetz im Rahmen der kommunalen Neugliederung entstanden ist. Damals wurden die selbständigen Städte Rheda und Wiedenbrück mit ihren Gemeinden Batenhorst, Lintel, Nordrheda-Ems und St. Vit zu einer Stadt zusammengeschlossen. Rheda-Wiedenbrück ist aber auch eine sehr alte Stadt. Im Jahr 952 gewährte Otto I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Drogo, dem Bischof von Osnabrück, für den in seinem Herrschaftsbereich liegenden Ort Wiedenbrück die Münz-, Markt- und Zollrechte. 1088 wurde Rheda erstmals urkundlich erwähnt, die Herrschaft Rheda geht auf das Jahr 1170 zurück und wurde 1818 endgültig der Provinz Westfalen des Königreiches Preußen zugeschlagen. Nun ist eine lange Geschichte nichts Ungewöhnliches in Westfalen. Unter Karl dem Großen und seinen Nachfolgern traten viele Städte in das Licht der Geschichte. Ungewöhnlich an Rheda-Wiedenbrück ist aber, was sich an geschichtlicher Bausubstanz erhalten hat. Über 270 Gebäude in der Stadt sind denkmalgeschützt.

 

Geschichte und Bedeutung des Baudenkmals

Das Renaissance-Ackerbürgerhaus Wasserstraße 19 wurde 1622 (Torinschrift) erbaut und ist eines der prägenden Bauten im historischen Stadtkern von Wiedenbrück. Der Torbogen des straßenseitigen Fachwerkgiebels weist reich beschnitzte, figürliche und ornamentale Motive auf. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass sich auch lutherische Inschriften finden, die bezeugen, dass Wiedenbrück zur Reformationszeit kurz evangelisch war. Der Vierständerbau von 10 Gebinden ist ein Wohn-Wirtschaftsgebäude, dessen bauzeitlicher Grundriss mit Deele, Seitenschiffen, hoher Küche und Aufkammer nahezu unverändert erhalten ist und dadurch die historischen Raumstrukturen sehr gut überliefert. Hinter dem dreischiffigen Wirtschaftsteil schließt sich der zweigeteilte Wohnteil an. Linker Hand befindet sich der Keller mit dem darüber liegenden Saal, der durch eine hölzerne Wendeltreppe erschlossen wurde. Die Wendeltreppe ist im oberen Teil noch erhalten, der untere Teil wurde im 19. Jahrhundert durch eine geradläufige Treppe mit Galerie ersetzt. Rechter Hand liegt die Küche mit Herdfeuer. Der Bosen trägt die Jahreszahl 1623 und die Initialen der Bauherren. Zu den bemerkenswerten Ausstattungsstücken gehören neben den barocken Schwibbogen-Kaminen in der Deele und der gut erhaltenen Wendeltreppe, der Kaminrauchfang, Innentüren sowie Fensterstöcke und Spolien aus der Renaissance. Durch seine außergewöhnlich vollständig überlieferten Strukturen besitzt das Baudenkmal auch überregionale Bedeutung. Das Gebäude wurde 1983 in die Denkmalliste der Stadt Rheda-Wiedenbrück eingetragen.

 

Objektzustand vor der Sanierung

Das Objekt Wasserstraße 19 im historischen Stadtkern Wiedenbrück stand bis zum Beginn der Sanierungsarbeiten seit Mitte der 1980er Jahre leer. Der Begriff des Dornröschenschlafes beschreibt die Situation vor der Sanierung wohl am Treffendsten. Vor der jetzt durchgeführten Sanierung befand sich das Gebäude in einem „Vorkriegszustand". Bis dahin waren keine nennenswerten und einschneidenden Veränderungen mehr vorgenommen. Lediglich die Aufgabe der Stallung im Gebäude und die Umnutzung zu einem reinen Wohnhaus in der Barockzeit war der bis dato massivste Eingriff.

 

Die Sanierungsmaßnahmen

Die Planung für die Umnutzung des Baudenkmals wurde auf Grundlage der Ergebnisse einer bauhistorischen Dokumentation vorgenommen und die Bauarbeiten begannen erst nach einer intensiven Vorplanungsphase mit anschließender Machbarkeitsstudie. Ein besonderer Umstand ergab sich nach Beginn der Bauarbeiten, als das ursprünglich angedachte Nutzungskonzept als Büro- und Wohngebäude durch die überraschende Absage des ehemaligen Mietinteressenten obsolet wurde. Während des dann einsetzenden Baustopps trat - aus heutiger Sicht - der Glücksfall ein, dass die Bauherrin das benachbarte Baugrundstück Wasserstraße 17 erwerben konnte. Im Zuge der Neuplanung war es jetzt möglich, parallel einen Neubau zu errichten. Beide Gebäude bilden heute eine Nutzungseinheit, die die Unterbringung einer Pflegewohngemeinschaft ermöglicht. Die neue Nutzung folgt der vorhandenen Grundrissdisposition und fügt sich in die vorgefundenen Raumstrukturen ein. Die ehemalige Deele dient jetzt als Gemeinschaftsraum, in den ehemaligen Kammern sind Lese- und Fernsehräume untergebracht. Die Küche ist an ihrer ursprüngliche Stelle verblieben und der Bosen (Rauchfang) nimmt heute den Wrasenabzug der modernen Herdzeile auf. Neue Bauteile, wie z. B. der brückenartige Steg in der Deele, wurden in moderner Bauweise, jedoch in Anlehnung an vorgefundene Gestaltungselemente, konzipiert. Die Gebäudeerschließung einschl. erforderlicher Aufzugsanlage und haustechnischer Einrichtungen konnten im Neubau platziert werden. Auch war es dadurch möglich, bis auf zwei Räume alle Zimmer im Baudenkmal rollstuhlgerecht zugänglich zu machen. Die Instandsetzung des Fachwerkgebäudes fand unter der denkmalpflegerischen Prämisse statt, erhaltenswerte Substanz im Original zu bewahren. So sind die Holzwerkkonstruktion, die Ausfachungen oder auch historische Fenster, soweit wie möglich, erhalten. Schäden wurden fachgerecht repariert, Fehlendes ergänzt, die Fachwerkkonstruktion mit Eichenholz restauriert. Die Innenseiten der Fassaden erhielten eine Dämmung aus Holzweichfaserplatten mit einem zweilagigen Lehmputz. Die vorhandenen Holzfenster wurden restauriert und zu Kastenfenstern umgebaut. Neue Fenster wurden als originalgetreue Kopie der Bestandsfenster gefertigt. Im Gebäudeinneren wurden beispielsweise Treppenanlage, Galerie, Herdbosen und Zimmertüren aufgearbeitet, die Schwibbogen-Kamine wieder in Betrieb genommen und Spolien bewahrt.

 

Heutige Nutzung

Das Baudenkmal wird heute als Teil einer Pflegeresidenz genutzt. Die Schwerpunkte setzt der Betreiber in die Tätigkeit der ambulanten Betreuung von Wohngemeinschaften, die speziell für Menschen mit dementiellen Erkrankungen und/oder Pflegebedürftigkeit eingerichtet wurden. Eröffnet wurde die Pflegeresidenz im Oktober 2013. Durch die besondere Lage im historischen Stadtkern bieten sich den Bewohnern alle Möglichkeiten am kulturellen und gesellschaftlichen Leben im Stadtzentrum teilzunehmen. Mittelpunkt der Hausgemeinschaft ist die Deele. Das Baudenkmal wurde über einen modernen Verbindungsbaukörper mit einem gleichzeitig errichteten Neubau verbunden. Durch den Aufzug im verglasten Treppenhaus zwischen Neubau und Fachwerkhaus lassen sich alle Bereiche der Pflegeeinrichtung barrierefrei erreichen. Fünf der 18 Zimmer sind im Baudenkmal Wasserstraße 19 eingerichtet.