Denkmal des Monats - Oktober 2016

Südwestfalen
Die ehemalige Synagoge (Arnsberg)



Mendener Straße 35, 59755 Arnsberg/Neheim

Die ehemalige Synagoge in Neheim gilt als eine der besterhaltenen in Westfalen. Neben ihrer Vereins- und kulturellen Funktion erinnert sie heute noch als Zeitdokument an die jüdische Geschichte Neheims - und zugleich ist sie eine Heimstatt für die offene Gesellschaft.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) bildete sich nachweislich die erste jüdische Gemeinde in Neheim, die im Jahre 1910 mit 103 Mitgliedern ihren höchsten Stand zählte. Eine treibende Kraft für das jüdische Gemeinde- sowie Schulwesen und für den Bau einer Synagoge war der Industriepionier Noah Wolff (1809-1907), der auch als Mitbegründer einer Stecknadelfabrik (ab 1833) richtungsweisende Impulse für die industrielle Entwicklung der Stadt gab. Im Jahr 1831 gab es erste Bestrebungen für die Errichtung einer Synagoge. Doch erst im Jahr 1875 wurde mit dem Bau der Synagoge begonnen, die am 20.10.1876 eingeweiht werden konnte. Es ist ein Gebäude im sogenannten Rundbogenstil entstanden, welches Anmut sowie Würde ausstrahlt und sich heute noch - trotz seiner Lage in zweiter Reihe - deutlich im Stadtbild abzeichnet.

Der Sakralbau wurde, zwischen den Gebäuden Mendener Straße 33 und 37, zurückversetzt errichtet. Dies war sicherlich dem Grundstückszuschnitt geschuldet, aber auch den damaligen Verordnungen. Durch die städtebauliche Lage konnte zur Straße (nördlich) eine Platzfläche gestaltet werden sowie südlich und östlich eine Gartenfläche. Die Einfriedung des Grundstücks erfolgte zur Straße mit einer Mauer und einem Eisengitterzaun, die im Jahre 1984 rekonstruiert wurden.

Die städtebauliche Lage gab der eigentlichen Funktion des Sakralbaus die notwendige Ruhe und ließ die religiöse Handlung klar im Mittelpunkt stehen.

Der massive, verputzte, zweigeschossige Baukörper wurde traufständig zum Vorplatz errichtet. Durch vertikale Gesimsbänder (Nord- und Ostfassade) erhielt das Gebäude eine klare Fassadengliederung. Die einzelnen Raumfunktionen zeichnen sich so innerhalb der Fassadengestaltung ab. Das Erdgeschoss wurde dem Betraum vorbehalten und das Obergeschoss diente der jüdischen Schule sowie als Versammlungsstätte.

Auch innerhalb der Fenstergestaltung werden die Funktionsbereiche ablesbar. Der ehemalige Betraum wird durch große stehende Rechteckfenster mit Eisensprossen, Rundbogenabschluss und unter Verwendung byzantinischer Motive geprägt. Die Fenster sind mit Putzeinfassungen gerahmt und wurden im Jahre 1984 teilweise erneuert bzw. restauriert. Hingegen sind die Fenster im Obergeschoss, die 1984 erneuert wurden, kleiner und einfacher mit Rundbogen und Sprossengliederung gestaltet, entsprechend der geringeren Raumhöhe und -funktion. Die sehr gut proportionierten Fensteröffnungen geben der Fassade eine klare horizontale Gliederung. Dies gilt für alle Fassadenseiten, jedoch sind die Fenster und Fassadenflächen an der Süd- und Westfassade einfacher gestaltet. Somit sind die Nord- und die Ostfassade, die 1998 saniert wurde, die sogenannten Schaufassaden. Diese prägen den Ort und zeigen dem Betrachter die Unverwechselbarkeit des Gebäudes auf. Hierbei suggeriert der sichtbare Natursteinsockel an der Nordfassade eine gewisse Unverrückbarkeit des Gebäudes.

Der an der Platzfassade angeordnete Haupteingang mit vorgelagerter Natursteintreppe wird durch die im Jahr 1984 erneuerte doppelflügelige Holztür mit halbrundem Oberlicht und dem darüber angeordnetem Okulus hervorgehoben. Eine deutliche Akzentuierung erfährt der sakrale Baukörper durch einen in den Himmel ragenden Turm, der sich aus der östlichen Fassadenfläche halbrund hervorhebt und über das mit Pfannen gedeckte Satteldach als runder Turm emporragt. Den Abschluss bildet eine runde Haube, die seit dem Jahre 1998 in Zink als Stehfalzdeckung realisiert ist und ursprünglich mit Blei eingedeckt war. Der halbrunde Turm übernahm im Betraum die Funktion der raumhohen Tora-Nische, also den Aufbewahrungsort der heiligen Schriftrollen. Somit wird innerhalb der äußeren Architektursprache auch an dieser Stelle die besondere Funktion wiedergegeben.

Die rechteckige Grundfläche des Gebäudes umfasst ca. 94 qm, von dem der ehemalige Betraum eine fast quadratische Fläche von 62 qm einnimmt. Der Raum ist über die restaurierte ursprüngliche Doppelflügeltüranlage vom Eingangsflur/ Treppenraum zugänglich und war ursprünglich mit einem Holzfußboden gestaltet, der im Jahre 1984 durch einen Steinfußboden ersetzt wurde. Ein breiter Gang, der mit einem Teppich belegt war, welcher vor einem erhöhten Altar bzw. vor der raumhohen Tora-Nische endete, bildete die Mittelachse. Rechts und links hiervon waren die Bänke angeordnet. Des Weiteren war der ehemalige Betraum mit einem Lesepult, Torarollen, Silbergehänge und einer silbernen Zeigehand zum Lesen ausgeschmückt. Die Ausmalungen der Fensterinnenlaibungen sind heute noch vorhanden wie auch die schmalen Zierbänder um die Fenster. Weitere Gestaltungselemente waren ein Ofen, ein später zentral positionierter elektrischer Leuchter und die flache Holzdecke, die ebenfalls heute noch mit Malereien geschmückt ist. Eine Frauenempore gab es nachweislich nicht. Der ehemalige Betraum wurde im Jahre 1901 vom Neheimer Maler Sauerland mit floralen Schablonenmalereien und deutsch- sowie hebräisch sprachigen Versen neu ausgemalt. Im Jahre 1984 wurde die komplette Ausmalung inklusive des Innenputzes nach historischem Vorbild restauriert.

Der Raum entspricht heute noch einer wesenhaften Architektur, denn er ist wohl proportioniert und mit einem harmonischen Materialwechsel gestaltet. Durch die natürliche Belichtung durch die Fensterflächen erfährt der hohe Raum eine wirkungsvolle Tiefe und eine gewisse Behaglichkeit. Das Wechselspiel von Licht und Farbe gibt ihm nach wie vor, der ehemaligen religiösen Funktion entsprechend, eine würdige Ausstrahlung und lässt diesen als etwas Besonderes wirken.

Das Obergeschoss wird über den Eingangsflur mit der sanierten ursprünglichen Holztreppe erschlossen. Der Eingangsflur mit seinem historischen Bodenbelag ist komplett unterkellert.

Die ehemalige Synagoge diente, bis der NS-Terror auch hier das unheilvolle Ende brachte, der Gemeinde. Das Gebäude wurde in der Reichspogromnacht von den Nazis überfallen und die Inneneinrichtung inklusive der Ausstattungsgegenstände zerstört. Alle Kultobjekte verschwanden. Dass der Baukörper nicht komplett niedergebrannt wurde, ist seiner städtebaulichen Lage zu verdanken. Denn es bestand die Befürchtung, dass durch die enge Bebauung die Stadt komplett niederbrennen könnte.

Nachfolgend hatte das Gebäude eine sehr wechselvolle Geschichte, mit unterschiedlichsten Nutzungen und Eigentümern. Es diente sowohl als Lagerraum als auch als Wohnraum und Verkaufsstätte. Hierfür erfolgten quantitativ und qualitativ unterschiedlichste Renovierungs- und Sanierungsmaßnahmen.

In den 1950er Jahren wurde ein Teilabbruch der ehemaligen Synagoge beantragt und 1982 der komplette Abbruch. Die Stadtverwaltung stimmte dem nicht zu und beantragte die Eintragung in die Denkmalliste. Doch erst der Verkauf des Objektes an zwei Neheimer Bürger ließ den Eintragungsprozess zu einem Erfolg werden. Am 09.12.1982 wurde die ehemalige Synagoge mit der Denkmalnummer 1 in die Denkmalliste der Stadt Arnsberg eingetragen und sollte ab jetzt seine Würde und Ausstrahlung wiedererlangen.

Der Jägerverein Neheim 1834 e.V., dessen Mitbegründer Noah Wolf war, erwarb 2001 das Gebäude. Die offizielle Übernahme erfolgte am 15.03.2002 im Rahmen einer Feierstunde. Seitdem ist es der Mittelpunkt des Vereinslebens und wird auch für besondere kulturelle Veranstaltungen genutzt. Damit dies gewahrt wird, kümmert sich der Verein um den Erhalt, zusammen mit einem 2013 gegründeten Förderverein. Hierzu tragen sicherlich auch die jüngeren Sanierungsmaßnahmen bei, die in enger Abstimmung mit den Denkmalbehörden erfolgten und von der NRW-Stiftung finanziell gefördert wurden.