Denkmal des Monats - November 2016

Südwestfalen
Sakralbau Ev. Kirche (Rietberg)



Sakralbau mit bürgerlicher Vorgeschichte: Rietbergs evangelische Kirche stammt aus dem 17. Jahrhundert

Das stattliche Gebäude Müntestr. 15, schräg gegenüber dem herrschaftlichen Haus Münte im alten Regierungsviertel der ehemaligen gräflichen Landeshauptstadt Rietberg dient seit mehr als 100 Jahren der evangelischen Gemeinde als Kirche. Ursprünglich ein Hofbeamtenhaus, waren hier im 19. Jahrhundert eine Bäckerei, Brauerei und Gastwirtschaft zu der zeitweilig auch eine Posthalterei gehörte, untergebracht.

Mit der Eingliederung der Grafschaft Rietberg in das Königreich Preußen 1815 und der Einrichtung der Domänenverwaltung des Grafschaftsbesitzers Tenge ab 1822 kamen zahlreiche protestantische Verwaltungsbeamte mit ihren Familienangehörigen in das katholische Rietberg. Sie feierten ihren Gottesdienst zunächst in einem Haus in der Sennstraße, bis die von Wiedenbrück aus betreute Gemeinde durch Vermittlung von Woldemar Tenge (seit 1895 Presbyter) die Bäckerei in der Müntestraße erwarb und bis 1903 von der Bauanstalt Bethel zu einer Kirche umbauen ließ.

Es entstand ein Kirchensaal mit 60 Sitzplätzen. Vier reich ornamentierte Rundbogenfenster mit den Porträts der vier Reformatoren Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Calvin und Ulrich Zwingli schmücken den Kirchensaal. Sie wurden in Quedlinburg eigens für die neue Kirche angefertigt. Der neugotische Altar aus der Wiedenbrücker Werkstatt Goldkuhle von 1864, die Kanzel und der Taufstein wurden von der Sennstraße mitgebracht. Auch der Dachreiter trägt die alte Glocke von 1865.

Vor allem durch die Flüchtlinge nach 1945 wuchs die Gemeinde stark an. Ein eigenes Pfarrhaus wurde gebaut. Räume für die Gemeindearbeit wurden notwendig. 1960 wurde die Kirche erweitert. Sie bietet heute Raum für 200 Gläubige.

Der Giebelspruch von 1626 (DE MI NICH GVET IS VN IÄGERT MI DVER FALSKHEIT - DE BRECKT SIK SÖLMS DEN HALS) und die Bezeichnung „1669" an der „Utlucht" (siehe auch liefern Anhaltspunkte für die Entstehungszeit des Hauses mit seinen reich geschnitzten Füllhölzern. Von 1669 an bewohnte es der gräfliche Landvogt Johann Christoph Nagel, der es seinem gleichnamigen Sohn vererbte. Dieser war zunächst gräflicher Rentmeister und wurde 1729 als Regierender Bürgermeister von Rietberg vereidigt.

Am 12. März 1699 wurde in diesem Haus der Paderborner Hofbaumeister Franz Christoph Melchior Nagel (1699-1764) als Sohn des Bürgermeisters und Enkel des Landvogts geboren. Er schuf u. a. den Marstall, die Schlosswache und die barocken Gartenanlagen von Schloss Neuhaus, errichtete den ehem. Hardehausener Hof am Busdorfstift in Paderborn und die Abtei Freckenhorst. Er leitete den Bau der Jesuitenkirche in Büren, entwarf die Barockfassade der Paderborner Gaukirche (dem Dom gegenüber), schuf die Franziskanerkirche in Lügde sowie die berühmte Wallfahrtskapelle von Kleinenberg. Von ihm stammt auch der Entwurf für den Libori-Festaltar im Paderborner Dom, der aus Anlass der 900-Jahr-Feier der Reliquienübertragung im Jahre 1736 angefertigt wurde und von dem bedeutende Teile im Diözesanmuseum Paderborn aufbewahrt werden. Der Barockbaumeister starb am 7. August 1764 in Paderborn.

Nach Bürgermeister Johann Christoph Nagel bewohnte die Witwe des Drosten Clamor Hermann von Meinders das Haus. Es folgten weitere Beamte der Rietberger Landesregierung, unter ihnen der Forstmeister und Landvogt Anton Philipp Joseph de Prato, Kammerrat Adam Joseph Franz Meinders sowie Dr. med. Christoph Heising aus Wiedenbrück, Rietbergs erster akademisch gebildeter Arzt, der im Jahre 1781 von der Regierung zum „Landphysikus" der Grafschaft ernannt worden war. Wohl nicht viele Sakralbauten Westfalens weisen eine so vielfältige profane Vorgeschichte auf.

 

Literatur:

Manfred Beine, Einst Hofbeamtenhaus, dann Brauerei - seit 100 Jahren ev. Kirche in Rietberg,

in: Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh 2004, S. 122-128.

Manfred Beine / Käthe Herbort †, Rietberg.

Historischer Stadtrundgang (= Westfälische Kunststätten 67), 2. überarb. Aufl. Münster 2008.