Denkmal des Monats - April 2016

Südwestfalen
Erich-Pachnicke-Straße 12, 57072 Siegen, Denkmal-Nr. 270 (Siegen)



Das Wohnhaus wurde 1924 vom Architekten W. Kunitz entworfen und 1925 vom Siegener Architekten Wilhelm Kneip geringfügig umgeplant. Bauherr war ein Industrie-Unternehmer, der Ingenieur Heinrich Flender.

Das Gebäude ist zweigeschossig unter einem verschieferten Walmdach. Das Obergeschoss ist ebenfalls schieferverkleidet, das Erdgeschoss verputzt. Das Haus zeigt zur Straße eine symmetrisch gegliederte Fassade. Die reich verzierte Haupteingangstür mit seitlichen Zusatzfenstern liegt eingezogen und zwei Stufen erhöht hinter einem pfeilergerahmten Gebälk. Darüber betonen vier ebenfalls leicht zurückliegende gekoppelte kleine Fenster mit Blumenbank die Eingangssituation. Ein Kranzgesims schmückt die Traufenzone, eine große Fledermausgaube mit strahlenförmiger Aufteilung eines halbrunden Fensters krönt die Mittelachse. Diese Mittelachse wird auf beiden Seiten begleitet von jeweils einer Fensterachse mit Sprossenfenstern und Schlagläden. Die Gestaltung mit Fenstern und Schlagläden setzt sich an beiden Seiten fort. An der westlichen, rechten Seite, ist das Erdgeschoss mit einem Fenstererker ausgestattet. An der Rückseite sind die Fenster wohl in den 1960er/70er Jahren vergrößert und im Inneren sind Treppenhaus und Türen erhalten bzw. rekonstruiert worden.

Das gesamte Haus ist mit dem Wechsel auf den jetzigen Eigentümer durchgreifend modernisiert und sorgfältig restauriert worden. Es erhielt einen Garagenanbau und einen rückwärtigen Balkonanbau sowie eine Einfriedung, die in ihrer Gestaltung den Charakter des Hauses aufnehmen oder sogar betonen.

Das im Stil der Reformarchitektur sorgfältig durchkomponierte Haus ist bedeutend für Siegen, weil es zu den aufwendigen, bestens erhaltenen und gepflegten Villen des hier um 1920 erschlossenen Wohnviertels gehört. Es bezeugt den mit dem Wohlstand der Industrialisierung im Siegerland einhergehenden Wohnungsbedarf und Repräsentationsanspruch gehobener Schichten. Stilistisch orientierten sich die beiden beteiligten Architekten dabei am englischen und süddeutschen Landhausstil, wie er zum Beispiel prominent von Hermann Muthesius oder dem Deutschen Werkbund vertreten wurde. Architekt Wilhelm Kneip aus Siegen war offensichtlich ein über lange Zeit von den besser gestellten Kreisen  des Siegerlandes gesuchter Spezialist, denn von ihm stammt auch die 1908 vollendete Villa eines Rentiers in Hilchenbach „In der Herrenwiese".

Für die Erhaltung und Nutzung des Wohnhauses sprechen wissenschaftliche Gründe hinsichtlich der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie der Architekturgeschichte, weil das Haus die architektonische und städtebauliche Entwicklung Siegens im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung um 1920 eindrucksvoll belegt.

Dabei ist zu beachten, dass dieses Haus als gebaute Quelle nach jetzigem Stand des Wissens ohne schriftliche Zeugnisse - mit Ausnahme weniger Zeichnungen - Informationen und Hinweise zu einem Teile der Geschichte Siegens birgt, die auf andere Weise nicht bewahrt werden können. Für seine Erhaltung und Nutzung sprechen auch städtebauliche Gründe, weil das Haus den Straßenzug mit prägt und charakterisiert.

Denkmalwert ist der unter seinem Vollwalmdach zusammengefasste Baukörper ohne den rückwärtigen Balkonbau und die seitlich angebaute Garage.

Quelle: Denkmalwertbegründung,

LWL-DLBW, 07/2014

 

Reformarchitektur und Heimatschutzstil

Die 1920er Jahre waren geprägt vom vergangenen 1. Weltkrieg (1914-1918). Es war die Zeit der Weimarer Republik, in dem erstmals eine parlamentarische Demokratie in Deutschland bestand.

In dieser Zeit entstand das vorgenannte Wohngebäude „Erich-Pachnicke-Str.12", welches dem Baustil der sogenannten Reformarchitektur zuzuordnen ist.

Zwischen 1890 und 1910 bildeten sich in Deutschland zahlreiche Reformbewegungen. In Bezug auf Bau- und Architekturfragen gehörten hierzu u.a. die Deutsche Gartenstadtbewegung (1902), der Deutsche Heimatschutzbund (1904) und der Deutsche Werkbund (1907).

Der vorherige Baustil des Historismus (ab 1830) fand mit der Gründerzeit ab 1870 seinen Höhepunkt und war geprägt von stark plastischen bis überladenen Formendekorationen, reichhaltige verwinkelte Anbauten, Erker, Türmchen und Ziergiebeln.

Aufgrund des Wohlstandes im Zuge der Industrialisierung beherrschte ein rasantes Städtewachstum mit einer Vielzahl von neuen Gründerzeitvillen die öffentliche Wahrnehmung. Eine optische Ermüdung hinsichtlich der kleinteiligen und überladenen Formenfülle des Historismus machte sich breit, so dass in weiten Kreisen des Bürgertums der Wunsch nach funktionaleren Grundrissen, höherem technischen Standard, vereinfachten Formen, klaren Gliederungen und schmucklosen Wandflächen zur Veränderung führte.

In der Baukunst entwickelten sich verschiedene Architekturstile, wie z.B. die „Moderne" unter Einfluss Frank Lloyd Wrights, „Das englische Landhaus" der Arts & Crafts-Bewegung, der „Heimatschutzstil" sowie die „Reform- und Werkbundarchitektur".

Die Heimatschutzarchitektur (1904-1945) bediente sich traditioneller Bauformen, wie z.B. Steildächer, Walm- und Krüppelwalmdächer, die bewusst gestalterische Verwendung natürlicher Baustoffe wie Naturstein und Holz, einfache Fassaden, erkerartige Anbauten und hölzerne Fensterläden.

Die Reformarchitektur ist eine Entwicklung des Deutschen Werkbundes, dessen Gründungsmitglieds Hermann Muthesius sich intensiv mit dem englischen Landhaus beschäftigte und die „praktische Anlage" mit funktionsgerecht angeordneter Raumfolge und gesundem Gartenbezug propagierte.

Seine ab 1908 formulierte Vorstellung ideale Grundtypen als kopierfähige Vorbilder für die breite Durchschnittsbautätigkeit zu konzipieren, lieferte das Fundament für eine Versachlichung der Bauformen. Wegen des Rückgriffs auf regionale Traditionen kann ein großer Teil dieser Reformarchitektur auch dem Heimatschutzstil zugeordnet werden.

Bedeutende Vertreter dieses Architekturstils in Deutschland waren u.a. Heinrich Tessenow, Paul Schulte-Naumburg, Heinrich Metzendorf, Paul Schmitthenner, Fritz Schumacher und Theodor Fischer.

Der damalige Stadtbaurat Johannes Scheppig (1902-1937) war diesem „Stil" sehr zugewandt und holte viele der renommierten Architekten seiner Zeit nach Siegen.